
Feuerbachstraße 74
(ehemals Kurfürstenstraße)
Hier wohnten Nathan Frankenberg und Minna Frankenberg geb. Gassenheimer
IN MEMORIAM Siegfried Frankenberg und Dr. Herta Juliane Frankenberg geb. Meyer
Nathan Frankenberg wurde am 5.9.1863 in Marisfeld/Hildburghausen geboren. Gemeinsam mit seinem Bruder Max und dem Vater Jacob betrieb er ab 1879 die Firma „Gebrüder Frankenberg“, die in Themar und Coburg mit Vieh und Pferden handelte.
Im November 1894 heiratete er Minna Gassenheimer (*1.12.1872 in Themar). Ihre Familie betrieb mit „Joseph Gassenheimer & Söhne“ ein weit verzweigtes Unternehmen, das Landwirtschaftsmaschinen herstellte.
Minna und Nathan Frankenberg lebten in Coburg, wo auch die beiden Söhne Siegfried (*4.11.1895) und Walter (*20.10.1897) geboren wurden. Sie waren ein äußerlich ungleiches Paar, Minna war etwa einen Kopf größer als Nathan, doch sie liebten sich sehr.
1903 kam die Familie nach Halle, wo Nathan Frankenberg ein Gewerbe anmeldete. Er war inzwischen, wie mehrere Männer, die in die Gassenheimer-Familie eingeheiratet hatten, in den Vertrieb landwirtschaftlicher Geräte involviert. 1914 versuchte er unter dem Markennamen „Frankeno“ einen eigenen Versandhandel aufzuziehen.

Markenanmeldung im Reichsanzeiger 17.7.1914
Im Juni 1908 ereilte die Familie ein tragisches Ereignis. Mit zehn Jahren starb der Sohn Walter an einer Blinddarmentzündung. Laut Sterbeurkunde verstarb er nicht zu Hause, sondern in der Grünstraße 7/8, wo sich zu dieser Zeit die Privatklinik von Dr. Kneise befand, eines Spezialisten für Geburtshilfe und Frauenkrankheiten.

Saale-Zeitung, 26.6.1908
Auch weitere Verwandte von Minna waren nach Halle gezogen, so ebenfalls 1903 ihr Bruder Georg Gassenheimer mit Frau, um 1912 ihre Schwester Emma Marcus mit Mann und drei Söhnen (->Stolpersteine Kirchnerstraße 17) sowie ihre Schwester Elise Ney mit ihrem Sohn, die zwischenzeitlich auch gemeinsam mit Frankenbergs wohnte (->Stolpersteine Maybachstraße 2).
Minna Frankenberg engagierte sich im Israelitischen Frauenverein der Jüdischen Gemeinde. Nathan Frankenberg war Mitglied im Barmherzigen Brüderverein, im Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und engagierte sich im Verein Bikur Cholim, einem Besuchsdienst für ältere und kranke Gemeindemitglieder.
- Minna Frankenberg 1925
- Nathan Frankenberg 1925
- Siegfried Frankenberg 1931
Minna und Nathan Frankenberg lebten in Halle gemeinsam mit ihrem Sohn Siegfried in der Prinzenstraße 12 (heute Friedrich-List-Straße). Im Juli 1936 heiratete Siegfried Frankenberg Dr. jur. Herta Meyer (*4.6.1909 in Berlin). Sie hatte in Freiburg Jura studiert und dort 1933 über das Thema „Begünstigung durch Prozesshilfe“ promoviert und wohnte vor der Hochzeit bei ihren Eltern Else und Dr. med. Ernst Meyer am Savignyplatz 11 in Berlin.
Mit der Hochzeit verließ das junge Paar von Halle aus Deutschland und ließ sich in Podiebrad (Poděbrady), in der damals noch freien Tschechoslowakischen Republik, nieder.
1938 entzog das Deutsche Reich beiden die Staatsbürgerschaft, woraufhin die Uni Freiburg Herta Frankenberg den Doktortitel aberkannte.
- Reichsanzeiger, 27.9.1938
- Ausbürgerungskartei von 1938, Eintrag zu Siegfried Frankenberg
Nach der deutschen Besetzung der ČSR wurde Siegfried Frankenberg am 9. Juni 1942 von Kolín nach Theresienstadt und am 28. September 1944 nach Auschwitz deportiert. Herta Frankenberg brachte man am 22. Dezember 1942 von Prag nach Theresienstadt und am 19. Oktober 1944 von dort weiter nach Auschwitz. Die nun 38-Jährige und ihr 48-jähriger Mann wurden nach ihrer Ankunft in Auschwitz mit Gas ermordet.
Nach der Auswanderung von Sohn und Schwiegertochter 1936 waren Nathan und Minna Frankenberg in die Kurfürstenstraße 74, die heutige Feuerbachstraße, gezogen.
Als die nationalsozialistischen Rassengesetze Juden und „Ariern“ jedoch verboten, unter einem Dach zu wohnen, mussten sie ihre Wohnung 1939 verlassen und zogen zunächst in das als „Judenhaus“ deklarierte Haus in der Magdeburger Straße 28 (->Stolpersteine Magdeburger Straße). Hier erhielten Frankenbergs im März 1939 auch die Aufforderung des Finanzamts zur Zahlung der „Judenvermögensabgabe“, nach der die deutschen Juden insgesamt eine Milliarde Reichsmark als Sondersteuer zahlen mussten. Wer über 5.000 RM besaß, musste 20% seines Vermögens abgeben, bei Frankenbergs waren das 5.650 RM. Die Berechnung war für die Behörden einfach, da bereits im Frühjahr 1938 alle jüdischen Bürger gezwungen worden waren, ihr Vermögen offenzulegen und es ab Herbst 1938 treuhänderisch verwalten lassen mussten.
Gegen Ende 1940 zogen Frankenbergs erneut um, nun in das Haus der Familie Schloß (->Stolpersteine Rudolf-Ernst-Weise-Str. 20), wo bereits mehrere andere jüdische Familien Zuflucht gefunden hatten.
Nathan und Minna Frankenberg ließen sich in dieser Zeit bei der Auswandererstelle registrieren und gaben als Wunschland die USA an. Zur Vorbereitung belegte das damals bereits betagte Ehepaar einen Englisch-Kurs in der Jüdischen Gemeinde. Die Chancen, ein Visum zu erhalten, waren jedoch gering.
Am 30. Juni 1942 mussten Minna und Nathan Frankenberg auch diese Wohnung wieder verlassen und in das angebliche „Altersheim“ auf dem Grundstück des Jüdischen Friedhofs in der Boelckestraße 24 (heute Dessauer Straße) ziehen. In Wahrheit pferchte man hier Juden vor der geplanten Deportation auf engstem Raum zusammen. Als monatlich zu zahlendes Pflegegeld wurden für beide Ehepartner jeweils 150 RM festgesetzt. Der Vorsitzende der vollständig unter Kontrolle der Gestapo stehenden Verwaltungsstelle Halle der Reichsvereinigung der Juden (vormals Jüdische Gemeinde) schloss mit Frankenbergs und anderen Insassen zusätzlich einen „Heimeinkaufsvertrag“ ab quasi als „Eintrittsgeld“ in das Altersheim. Hierfür waren von Frankenbergs 4.000 RM auf das „Insassensonderkonto“ des Altersheimes zu zahlen.
Nur wenige Wochen später erfuhren die Eheleute, dass sie für einen Transport nach Theresienstadt vorgesehen waren. Auch hierfür war wieder ein „Heimeinkaufsvertrag“ abzuschließen, der in Wahrheit dazu diente, Deportierten auf legale Weise ihres Vermögens zu berauben. Frankenbergs verfügten mit ihrer Unterschrift am 11.9.1942, dass ihr Restvermögen von 854,90 RM auf das Sonderkonto H der Reichsvereinigung der Juden übertragen werde. Das gesamte dort von Deportierten nach Theresienstadt eingegangene Vermögen wurde 1943 an das Reichssicherheitshauptamt übertragen.
Am 19.9.1942 wurden Minna und Nathan Frankenberg nach Theresienstadt deportiert. Hier starb der 79-jährige Nathan Frankenberg am 6. Dezember 1942 vermutlich an einer Lungenentzündung.
Minna Frankenberg überlebte als einzige ihrer Familie und kehrte im Juli 1945 nach Halle zurück.
Hier wurde der 73-jährigen zunächst eine Unterkunft in der Merseburger Straße 95b zugewiesen.
Weil sie alles verloren und keine Erwerbsmöglichkeit hatte, lebte sie von den geringen Zuschüssen der nach dem Krieg neu gegründeten Jüdischen Gemeinde. Erst später wurde ihr auch eine Witwenrente gezahlt.
1947 versuchte Minna Frankenberg, erneut erfolglos, in die USA auszuwandern.
Mindestens seit 1950 wohnte sie in der Türkstraße 30. Aus ihrem 1960 verfassten Testament lässt sich schlussfolgern, dass sie zuletzt wenigstens keine existenziellen finanziellen Sorgen mehr hatte. Sie bedachte Nachbarn, Freunde sowie den Verband der Jüdischen Gemeinden in der DDR mit der Maßgabe, die Lebensbedingungen hilfsbedürftiger und älterer Gemeindemitglieder zu verbessern.
Sie verstarb am 7.3.1961.
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Bei der Bombardierung Halles in den letzten Kriegsmonaten wurde auch die in der Nähe des Riebeckplatzes befindliche Prinzenstraße, der letzte Wohnort von Herta und Siegfried Frankenberg in Halle, vernichtet und später überbaut. Zur Erinnerung wurden die STOLPERSTEINE für beide daher vor dem letzten Wohnhaus der Eltern verlegt.
Minna Frankenbergs Bruder Georg Gassenheimer und Ehefrau Selma wurden in Auschwitz ermordet. Ihre Schwester Elise Ney war gemeinsam mit ihr nach Theresienstadt deportiert worden, verstarb dort aber bereits zwei Wochen nach Ankunft.
In Halle hatte Minna nach dem Krieg Kontakt zu ihren jugendlichen Großneffen Erich, Dieter und Peter Marcus, bis diese 1948 in die USA auswanderten.
Herta Frankenbergs Eltern Dr. med. Ernst Meyer und Else Meyer verließen Berlin am 26.9.1942 mit einem Transport von über 1000 weiteren Personen Richtung Raasiku / KZ Jägala / Estland. Sie kehrten nicht zurück. Ihr Bruder Alfred Meyer konnte rechtzeitig nach England auswandern.
- Grabstätte Minna Frankenberg auf dem Jüdischen Friedhof Dessauer Straße
- Grabstätte Walter Frankenberg auf dem Jüdischen Friedhof in der Humboldstraße
- Gassenheimer-Familienfoto anlässlich der Beerdigung von Simon Marcus in Halle 1925, Elise Ney hinten 4.v.l.
- Deckblatt der Promotion Herta Frankenbergs
- Von Herta Frankenberg verfasster Lebenslauf für die Promotion
- Ende 1941 wurden u.a. Ferngläser aus jüdischem Besitz erfasst und beschlagnahmt. Minna Fankenberg musste ihr Opernglas abgeben
- Im Januar 1941 mussten Juden Pelze-und Wollsachen im Rahmen einer Sammelaktion für die Ostfront abgeben. Frankenbergs mussten zwei Pelze abgeben.
- Besitzerfassung vor Umzug der Frankenbergs in das „Altersheim“ Boelckestraße
- Heimeinkaufsvertrag für Theresienstadt
- Todesfallanzeige für Nathan Frankenberg in Theresienstadt (Nationalarchiv Prag)
- Transportkarte für Siegfried Frankenberg
- Geldschein, den Minna Frankenberg aus Theresienstadt mitbrachte
- Familienbesitz Dieter Marcus (San Diego)
- Ausschnitt einer Zusammenstellung hilfsbedürftiger Gemeindemitglieder in Halle Ende 1945
Quellen und weitere Informationen
Stadtarchiv Halle (Saale), insbesondere Nachlass Gudrun Goeseke
Centrum Judaicum Berlin
Volkhard Winkelmann und ehemaliges Schülerprojekt „Juden in Halle“ des Südstadt-Gymnasiums Halle (Hrsg.): Unser Gedenkbuch für die Toten des Holocaust in Halle. 3. Auflage (2008)
Eintrag zu Nathan Frankenberg
Eintrag zu Hertha Frankenberg
Eintrag zu Siegfried Frankenberg
Nachfahren der Familie Gassenheimer, insbesondere Dieter Marcus
Sharon Meen und ihr Projekt Juden in Themar (https://judeninthemar.org/de)
Martin Schumacher: Ausgebürgert unter dem Hakenkreuz. Rassisch und politisch verfolgte Rechtsanwälte. Biographische Dokumentation einer Spurensuche zur deutschen Emigration nach 1933. Münster 2021.
Deutsches Zeitungsportal
Arolsen Archives
Nationalarchiv Prag
Das Leben in der Boelckestraße 24 – Auf den Spuren von Isidor und Frieda Hirsch
Ein Film von Inga Dauter, Doreen Hoyer und Elisabeth Schinner (2014, 13 Min)
Entstanden im Rahmen des Projekts „Stolpersteine – Filme gegen das Vergessen“ des Masterstudiengangs MultiMedia & Autorschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 2014

























