Martha und Waitstill Sharp gehören seit 2006 zu den Menschen, die von Yad Vashem die Auszeichnung „Gerechte unter den Völkern“ erhielten.
Waitstill Sharp war Pfarrer der Unitarier in Massachusetts/USA, seine Frau Martha war Sozialarbeiterin. Die Unitarier suchten Ende der 1930er Jahre Freiwillige, die in die Tschechoslowakei reisen würden, um der dortigen kleinen, aber aktiven Gemeinde der Unitarier direkte humanitäre Hilfe zukommen lassen zu können. Waitstill Sharp berichtete später, 17 Personen vor ihm hätten die Anfrage abgelehnt. Sharps kamen dem Auftrag aus Pflichtbewusstsein nach. Ihre zu diesem Zeitpunkt noch zwei kleinen Kinder brachte das Paar in der Gemeinde unter.
Ab Februar 1939 unterstützten die Sharps in Prag Bedürftige, darunter viele jüdische Flüchtlinge in Notlagen, mit Geld und humanitären Gütern, halfen auch in Emigrationsangelegenheiten. Sie arbeiteten hierfür eng mit der amerikanischen Botschaft zusammen und den ebenfalls hier aktiven britischen Quäkern. Erschwert wurde ihre Tätigkeit mit dem Beginn der deutschen Besatzung ab 15. März 1939.
Im rund 50 km östlich von Prag gelegenen Podiebrad lebten seit 1936 Herta und Siegfried Frankenberg (Stolpersteine Feuerbachstraße 74).
Dr. Herta Frankenberg, Tochter eines Berliner Arztes, hatte in Freiburg, Bonn und Berlin Jura studiert, im Jahr 1933 über das Thema „Begünstigung durch Prozesshilfe“ promoviert und im Juli 1936 den halleschen Kaufmann Siegfried Frankenberg geheiratet. Von Halle aus ging das Ehepaar in die Tschechoslowakei und versuchte, eine Auswanderungsmöglichkeit in die USA zu finden. In dieser Angelegenheit wandten sich die Frankenbergs an Martha und Waitstill Sharp in Prag.
Der Nachlass von Martha und Waitstill Sharp befindet sich im United States Holocaust Memorial Museum in Washington. Hier befinden sich auch Unterlagen zu Frankenbergs aus Halle, die wir kürzlich von dort als Scan erhielten.
Im April 1939 hatte Herta Frankenberg in Prag Martha Sharp aufgesucht und ihr im Anschluss einen Brief geschrieben.
Sehr geehrte Frau Sharp,
ich hoffe, dass Sie sich noch an unser Anliegen erinnern (ich hatte die Gelegenheit, Sie am Mittwochvormittag zu besuchen). Ich erlaube mir, meine Erklärungen in diesem Brief zu vervollständigen. Wie ich Ihnen erzählte, betrieb mein Mann ein Geschäft mit Landwirtschaftsmaschinen und ich habe mein Rechtsanwaltsexamen abgelegt. Abgesehen davon sind wir auch in der Lage, in einem Büro oder Haushalt zu arbeiten. Wir sind erfahren in allen Arten von Büroarbeiten, inklusive Maschineschreiben. Da ich kein Hausmädchen in meinem eigenen Haushalt habe, musste ich alle Tätigkeiten alleine erledigen, wie das Saubermachen der Räume, Kochen, Nähen etc.
Da mein Mann ebenfalls sehr geschickt in allen möglichen Hausarbeiten ist, sind wir gewollt und bereit, jede Arbeit anzunehmen, wenn es nur eine Möglichkeit gibt, in England auf eine Fahrt nach Amerika zu warten.
Wir würden uns sehr über einen Brief freuen, dass Sie uns helfen können. Ihre freundliche Hilfe ist unsere Hoffnung!
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Herta Frankenberg
Martha Sharp konnte den Frankenbergs nicht helfen. Siegfried Frankenberg wurde am 9. Juni 1942 von Kolín nach Theresienstadt und am 28. September 1944 nach Auschwitz deportiert. Herta Frankenberg brachte man am 22. Dezember 1942 von Prag nach Theresienstadt und am 19. Oktober 1944 von dort weiter nach Auschwitz. Die nun 38-Jährige und ihr 48-jähriger Mann wurden nach ihrer Ankunft in Auschwitz mit Gas ermordet.
Sharps verließen Prag erst im August 1939, kurz vor der wahrscheinlichen Verhaftung. Eine zweite Reise für die Unitarier führte sie 1940 nach Lissabon und Marseilles, wo sie jüdischen und nichtjüdischen Verfolgten gleichermaßen helfen konnten, oft auch direkt in Form von Fluchthilfe. In Marseilles arbeiteten sie zusammen mit dem inzwischen etwas bekannter gewordenen Varian Fry (Emergency Rescue Committee New York), der sich um die Flucht von durch die Nazis verfolgten Künstlern bemühte. Martha und Waitstill Sharp organisierten und begleiteten z.B. die Flucht von Marta und Lion Feuchtwanger. Lion Feuchtwanger überquerte den Atlantik gemeinsam mit Waitstill Sharp auf dem Ticket, das eigentlich Martha Sharp gehörte und das sie ihm überlassen hatte.
Insgesamt verhalfen Martha und Waitstill Sharp mehreren Tausend Menschen zur Flucht.

Der amerikanische Sender PBS zeigte 2016 eine Dokumentation mit dem Titel: Defying the Nazis: The Sharps‘ War, die bei Youtube abrufbar ist (nur in englischer Sprache):
https://www.youtube.com/watch?v=OZRrY6n0crM
Unterlagen aus dem United States Holocaust Memorial Museum, Martha and Waitstill Sharp Collection, Series III, Case Files 1938-40, Box 26, Folder 9:
- Brief von Herta Frankenberg an Martha Sharp
- Brief von Herta Frankenberg an Martha Sharp
- Personalbogen, den Martha Sharp für Frankenbergs ausgefüllt hat.
- handschriftliche Notizen von Martha Sharp








