Große Märkerstraße 6
Hier wohnten Otto, Frieda und Ellinor Avemarg
Adolf Otto Avemarg wurde am 22.8.1899 in Obermaßfeld/Thüringen in eine große protestantische Familie mit acht Geschwistern geboren. Seine Eltern waren der Zimmermann Andreas und Adelinde Avemarg.
Nach der achtjährigen Volksschule begann Otto Avemarg 1915 eine Tätigkeit beim Postamt und versuchte sich nebenbei als Steinbildhauer, seinem eigentlichen Wunschberuf. 1917 wurde er zum Heeresdienst einberufen und kämpfte während des 1. Weltkriegs in Russland und Frankreich, wo er zweimal verwundet wurde.
Nach seiner Rückkehr arbeitete er beim Telegrafenamt in Meiningen, wohnte aber weiter in Obermaßfeld, wo er 1921 gemeinsam mit anderen Sportfreunden den heute noch bestehenden Fußballverein SC 1921 Obermaßfeld mit gründete.
1919 wurde er Mitglied der SPD, trat 1924 in die Schutzpolizei Suhl ein, absolvierte Lehrgänge zur luftpolizeilichen Überwachung, wurde Mitglied der Polizeigewerkschaft, dem sog. „Schrader-Verband“, engagierte sich im „Sturmvogel – Flugverband der Werktätigen“ und war ab 1926 auf den Flugpolizeiwachen in Schkeuditz und Halle tätig.
- Otto Avemarg (rechts) in Halle
- Luftüberwachungslehrgang in Magdeburg (Avemarg 2.v.r.)
In erster Ehe war Otto Avemarg mit Martha Menzel verheiratet, die 1930 verstarb.
Am 30.6.1931 heiratete er Frieda Warmann (*5.4.1911), die die dreijährige Ellinor (*17.2.1928) mit in die Ehe brachte. Otto liebte Frieda sehr, gab ihr den zärtlichen Spitznamen Vella und nahm das Kind als eigenes an.

Hallische Nachrichten, 7.2.1931
Frieda Warmann stammte aus einer deutschsprachigen, jüdischen Familie aus Będzin bei Kattowitz/Polen. Ihr Vater Szymon Warmann hatte im 1. Weltkrieg auf polnisch-russischer Seite gekämpft und galt als verschollen. Nach Halle war sie mit ihrer Mutter Helene Warmann geb. Friedler (*1891) und ihrer älteren Schwester Gertrud Warmann (*1907) gekommen, weil hier seit 1912 schon weitere aus Będzin zugezogene Verwandte lebten, die alle im kaufmännischen Bereich arbeiteten. Die alleinerziehende Helene Warmann ernährte sich und die Töchter mit dem Betrieb eines Wäschegeschäfts.

Hallische Nachrichten, 29.11.1920
Otto, Frieda und Ellinor Avemarg wohnten nach ihrer Hochzeit zunächst bei Friedas Mutter und Schwester in der Grünstraße 9 (heute Ernst-Kronmayer-Straße), dann in der Zachowstraße 3, ab 1933 in der Marthastraße 23.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde im Juni 1933 die SPD verboten. Bereits im Juli 1933 wurde Otto Avemarg vom Polizeidienst suspendiert und im Februar 1934 aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums § 4 endgültig aus dem Dienst entlassen. Begründet wurde dies zum einen mit seiner politischen Unzuverlässigkeit als früheres Mitglied der SPD und zum anderen mit seiner jüdischen Ehefrau. Ein Kollege belastete ihn vor dem Entlassungsausschuss zusätzlich, da er bei der Reichstagswahl 1932 den „Führer“ beleidigt habe.
Von der NSDAP wurde er mehrfach vorgeladen und bedrängt, sich scheiden zu lassen, was Avemarg immer wieder ablehnte.
Mit der Entlassung aus dem Polizeidienst war der Verlust des Gehalts und der Pension verbunden, außerdem wurde Avemarg mit einem Aufenthaltszwang für Halle belegt – er durfte demnach das Stadtgebiet nicht verlassen.
Die Aufnahme einer neuen Tätigkeit stellte sich unter diesen Bedingungen als nahezu unmöglich heraus und die Familie lebte zunächst von Ersparnissen. Die wöchentliche staatliche Hilfe betrug 9,70 RM, dafür wurde Otto Avemarg immer wieder zur Pflichtarbeit abgeordnet. Dazu gehörte z.B. das Aufsammeln von Papierschnitzeln in den Stadtparks.
Ende 1935 wagte er den Versuch der Selbstständigkeit und übernahm in der Triftstraße 28 ein Lebensmittelgeschäft. Der Laden lief erfolgreich, doch bereits vier Monate später musste er ihn wieder schließen – auf Anweisung des NSDAP-Stadtverordneten Charnowski. Avemarg blieb auf den Waren sitzen und hatte 800 Mark Schaden.
Otto Avemarg wurde auch zur Umbettung der Grabsteine vom 1937 durch die Nazis aufgelösten Jüdischen Friedhofs in der Gottesackerstraße zum neuen Friedhof in der Boelckestraße (heute Dessauer Straße) eingesetzt.
1935 wurde Familie Avemarg die Wohnung in der Marthastraße 23 gekündigt und sie zogen in die erste Etage der Großen Märkerstraße 6. Im Erdgeschoss des SPD-eigenen Hauses war ab 1927 das „Volksblatt“, die sozialdemokratische Tageszeitung, hergestellt worden, bis das Haus 1933 der Partei weggenommen wurde.
Avemarg berichtete später, dass er sich in dieser Zeit kaum noch aus dem Haus traute. Die SA hatte ihn wegen seiner Weigerung, sich scheiden zu lassen, mehrfach geschlagen. Er fürchtete seine Verhaftung und meinte, er würde beobachtet. Hauptwachtmeister Thiel vom 1. Polizeirevier habe ihm in der eigenen Küche in der Marthastraße ins Gesicht gesagt: „Judenknechte haben keinen Anspruch auf eine Wohnung!“ Außerdem habe er ihm angedroht, ihn wegen seiner antinazistischen Einstellung doch noch ins KZ zu bringen.

Große Märkerstraße 6
Von April bis November 1938 beschäftigte ihn die Kolonialwarenhandlung Weinhold in der Kl. Märkerstraße 2/3 als Hilfskraft.
Über Frieda Avemargs Leben in dieser Zeit ist weniger bekannt. Sie war Hausfrau, wahrscheinlich half sie regelmäßig im Wäschegeschäft ihrer Mutter und Schwester in der Schmeerstraße 3, dann Gr. Klausstr. 30, später Rannische Straße 7 aus.
Ellinor war auf der Neumarktschule eingeschult worden. Ein Foto zeigt sie zur Einschulung am 13.4.1934. Zum gleichen Zeitpunkt wurde dort auch Wolfgang Brühl eingeschult (-> Stolperstein Alter Markt 12). Mit dem Umzug in die Große Märkerstraße 6 im Jahr 1935 ging ein Schulwechsel zur Alten Volksschule am Waisenhausring einher (heute Berufsbildende Schulen IV Halle „Friedrich List).
- Einschulung von Ellinor Avemarg 1934
- Otto und Frieda Avemarg, ca. 1938
Ende Oktober 1938 wurden im gesamten Deutschen Reich jüdische Bürger mit polnischer Staatsbürgerschaft festgenommen, zur polnischen Grenze gebracht und gezwungen, Deutschland zu verlassen. Auch Frieda Avemarg, ihre Schwester Gertrud Warmann und Mutter Helene Warmann waren (obwohl sie schon lange in Halle lebten) noch immer polnische Staatsbürger. Zwar entgingen die drei Frauen der Abschiebungsaktion an die polnische Grenze, aber der hallesche Polizeipräsident erließ (gemäß § 1 und 5 einer neuen Ausländerpolizeiverordnung vom 22.8.1938) am 4.11.1938 gegen sie ein Aufenthaltsverbot für das gesamte Deutsche Reichsgebiet.
Gertrud und Helene Warmann flohen daraufhin sofort über die grüne Grenze nach Belgien. Eine Flucht in andere Länder war kaum mehr möglich, zumal ohne das notwendige Geld. Familie Avemarg wollte folgen und schickte zunächst Ellinor nach Obermaßfeld zu Ottos Eltern, wo sie fern der elterlichen Sorgen sein sollte. Das Ehepaar versuchte derweil den Hausstand weitestgehend zu veräußern und Pässe zu besorgen.
Mitte Dezember 1938 verließen Frieda und Otto Avemarg Halle.
Zunächst wurde in Obermaßfeld Ellinor abgeholt und sich von Ottos Familie verabschiedet. In Aachen erteilte das belgische Konsulat Visa. In der außerhalb von Brüssel gelegenen Kommune St. Gilles traf die Familie am 26.1.1939 mit Helene und Gertrud Warman zusammen und fand eine erste Unterkunft in der Rue de Hollande 31. Im Juli 1939 bezogen Avemargs eine Wohnung in der Rue Joseph Claes 56. Helene und Gertrud Warmann wohnten nur wenige Häuser entfernt.
In den kommenden Monaten lebten Avemargs von der Unterstützung jüdischer Hilfskomitees. Ellinor konnte wieder zur Schule gehen. Es kamen in dieser Zeit zahlreiche Flüchtlinge nach Belgien, so dass im Frühjahr 1940 nur etwa 6 % der auf dem Staatsgebiet lebenden Juden die belgische Staatsangehörigkeit hatten.
Die belgischen Behörden beobachteten genau, wer in ihr Land kam, darum sind aus dieser Zeit zahlreiche Dokumente erhalten, die Auskunft über das Leben der Avemargs geben. Unter anderem wurde aus den Heimatorten der Flüchtlinge Auskunft über mögliche Vorstrafen eingeholt, ein Antwortschreiben der Polizei Halle nach Brüssel von 1939 ist überliefert, in dem auch weitere nach Brüssel geflohene Hallenser aufgeführt werden.
- In Brüssel: Frieda Avemarg 1939
- Gertrud Warmann 1939
- Helene Warmann und Frieda Avemarg 1939
Gleich am 10. Mai 1940, dem ersten Tag des deutschen Überfalls auf Belgien, wurden durch die belgische Polizei tausende deutsche Staatsbürger, insbesondere Männer, verhaftet, darunter sehr viele aus Deutschland und Österreich geflohene Juden. Sie wurden an die französische Polizei überstellt, auch Otto Avemarg war davon betroffen. Er wurde in das Lager St. Cyprien in Südfrankreich gebracht. In diesem Küstenstädtchen nahe der spanischen Grenze befand sich direkt am Strand ein improvisiertes Internierungslager, das bereits 1939 (nach dem Sieg Francos) von den französischen Behörden für die zahlreichen Flüchtlinge aus Spanien angelegt worden war. Im Lager mangelte es an frischem Wasser und Lebensmitteln, Krankheiten breiteten sich aus.
Als das Lager aufgrund seines baulichen Zustands aufgelöst wurde, kamen die meisten jüdischen Gefangenen, darunter auch der Hallenser Willy Cohn (-> Stolperstein Rudolf-Ernst-Weise-Straße 5), ins Lager Gurs, später in weitere Lager und von dort zur Deportation in die Vernichtungslager im Osten. Otto Avemarg wurde in ein kleines Lager namens Camp de la Viscose in Albi gebracht, wo etwa 850 Gefangene untergebracht waren. Nach der Kapitulation Frankreichs wurde die Herausgabe der deutschen Internierten verlangt. Die französische Gendarmerie übergab ihn und weitere 43 Gefangene am 19.9.1940 in Chalon sur Saone der Gestapo, die ihn in den kommenden Tagen und Nächten ausgiebig verhörte, bevor sie ihn zur Weiterreise nach Brüssel freigab.
Am 30.9.1940 bei der Familie angekommen, erhielt Otto Avemarg sogleich eine Vorladung für den 3.10.1940 zur deutschen Ortskommandantur, Abteilung politischer Sonderdienst.
Man erklärte ihm, er hätte die Wahl zwischen einer Arbeit für die Wehrmacht oder dem Aufenthalt in einem deutschen Erziehungslager, sprich KZ, mit der gesamten Familie.
So begann Otto Avemarg am 7.10.1940 im Motorenlager des Zentralersatzteil-Lagers Nr. 6 zu arbeiten. Ein belgischer Kollege bescheinigte ihm später sein gutes Verhältnis zu den Arbeitern, insbesondere den belgischen.
Familie Avemarg hatte nun wieder ein regelmäßiges Einkommen. Frau Avemarg, ihre Schwester und ihre Mutter waren jedoch als staatenlose Juden den durch die deutschen Behörden verhängten rigorosen antijüdischen Regelungen unterworfen, die ein normales Leben unmöglich machten. In ihren Ausweiskarten prangte der zweisprachige rote Stempel JUIF JOOD (Jude).

Belgische Kennkarte von Gertrud Warmann
Ab Ende Mai 1942 mussten auch die belgischen Juden den gelben Stern tragen, der im Reichsgebiet bereits seit September 1941 Pflicht war. Kurz darauf, im Juli 1942, begannen die Deportationen von Juden aus Belgien. Zuerst waren die zahlreichen staatenlosen Juden betroffen. Sie erhielten eine Aufforderung, sich zum Arbeitsdienst einzufinden und wurden dann vom Lager Mechelen aus in die Vernichtungslager deportiert. Weil nur ein Teil der Aufforderung folgte, kam es (unter Beteiligung der belgischen Polizei) in den folgenden Monaten zu Verhaftungen auf der Straße und in Wohnungen. Nun nahmen Avemargs auch Helene und Gertrud Warmann bei sich auf.
Im Oktober 1942 durchsuchte die Gestapo ihre Wohnung, brach die Tür, Koffer und Schränke auf. Glücklicherweise war niemand daheim, insbesondere Frieda, Helene und Gertrud nicht – sie waren besonders gefährdet durch den Stempel „JUIF JOOD“ im Ausweis.
Die Wohnung fand Otto Avemarg bei Heimkehr polizeilich versiegelt vor, so mietete er kurzfristig in der Rue Pucchini 45 eine neue Wohnung auf seinen Namen an. Nach einigen Tagen gab die Gestapo seine ursprüngliche Wohnung wieder frei, Otto Avemarg musste allerdings versichern, dass dort keine Juden wohnen würden. Die zusätzlich neu angemietete Wohnung behielt er, sie wurde nun zum Versteck seiner Schwiegermutter und Schwägerin. Sie lag in der Kommune Anderlecht, etwas entfernt und in einem anderen Verwaltungsbezirk, so dass eine Zweitwohnung nicht so schnell auffiel. Ellinor, nun 14 Jahre und nur „Halbjüdin“, konnte neben Otto als einzige sicher vor Verhaftung auf die Straße gehen und versorgte die beiden mit Lebensmitteln.
- Rue Joseph Claes 96
- Rue Puccini 45
- Otto Avemarg 1941
Kurz vor der Befreiung Belgiens durch alliierte Truppen im September 1944 wurde das Wehrmachtersatzteillager nach Bergisch Gladbach verlegt und Otto Avemarg wurde gegen seinen Willen mitgenommen. Im Oktober 1944 wurde er wegen eines Fluchtversuches interniert, kam aber durch Fürsprache von Kollegen wieder frei. Im Januar und Februar 1945 wurde das Lager zerbombt, wobei Otto all seinen Besitz verlor, aber überlebte. Am 2.4.1945 gelang ihm mit einem belgischen Kameraden die Flucht. Am 8.5.1945 trafen sie auf amerikanische Soldaten, die sie nach Brüssel leiteten. Hier kam er am 12.5.1945 an.
Frieda und Ellinor Avemarg waren seit Ottos Abwesenheit zu Gertrud und Helene Warmann in die Rue Pucchini gezogen, hier trafen nun alle wieder zusammen.
Am 16.5.1945 ging Otto Avemarg zur örtlichen Polizei, um sich anzumelden. Hier wurde er völlig überraschend erneut verhaftet. Zunächst war er im Militärgefängnis St. Gilles untergebracht, dann im Internierungslager Petit Chateau in Brüssel.
Grund der Verhaftung war seine nun erneut verdächtige deutsche Staatsbürgerschaft. Er schrieb viele Briefe, um seine Situation zu erklären und wandte sich mit Hilfeersuchen an diverse Organisationen. Darin schilderte er das Geschehen der letzten Jahre, nannte Zeugen und äußerte den Wunsch, nach Halle zurückzukehren, um seine Stellung wieder aufzunehmen.
Nach fünfeinhalb Monaten Haft wurde Otto Avemarg schließlich am 1.11.1945 zusammen mit 23 anderen Deutschen, die ebenfalls „repatriiert“ werden sollten, in einen Zug Richtung Alliierte Besatzungszone gesetzt. Im Zug traf er erstmals wieder mit seiner Frau zusammen.
Frieda und Ellinor Avemarg waren tags zuvor verhaftet und in das Frauenlager Vilvorde bei Brüssel gebracht worden. Frieda, die nach wie vor weder die deutsche noch eine andere Staatsbürgerschaft hatte, wollte eigentlich nicht nach Deutschland zurückkehren, was sie den Behörden auch mitgeteilt hatte. Doch nur Ellinor gelang es, quasi in letzter Minute, vom Transport nach Deutschland zurückgestellt zu werden. Ihr Verlobter, ein britischer Soldat, war bei den Behörden erschienen und verlangte die Freilassung seiner vorgeblich schwangeren, nicht transportfähigen Verlobten Ellinor.
Weder Frieda noch Otto Avemarg waren noch einmal in ihre Wohnung gelassen worden, um irgendetwas mitzunehmen.
In Hamburg konnte das Ehepaar den Zug verlassen und kam bei einer Schwester Ottos unter. Otto Avemargs Versuche, hier bei der Polizei tätig werden zu können, blieben unbeantwortet. Ein Haftkamerad besorgte ihm dann eine Stelle als Regierungsobersekretär in Düsseldorf. Bis das Paar eine eigene Wohnung fand, wohnte es in einem Mädchenheim in Ratingen.
- Otto Avemarg
- Frieda Avemarg
- Ellinor Avemarg
Ellinor heiratete im August 1946 den 20 Jahre älteren William Godderidge, zog nach Großbritannien und bekam mit ihm vier Kinder. 1958 kehrte sie mit den Kindern zurück nach Brüssel und lebte hier wieder mit ihrer Tante Gertrud Warmann zusammen. Helene Warmann war 1957 verstorben.
Frieda Avemarg erhielt erstmals 1951 die Genehmigung, Mutter und Schwester in Brüssel zu besuchen. In den späteren Jahren besuchte sie mit ihrem Mann regelmäßig die dortige Familie, wofür jedes Mal ein spezieller Antrag nötig war. Auch Ellinor besuchte mit den Kindern immer wieder die Eltern in Düsseldorf.
1959 verstarb Otto Avemarg. Nach seinem Tod verbrachte Frieda Avemarg die meiste Zeit bei ihrer Schwester und Tochter sowie den Enkeln in Brüssel.
Ellinor Avemarg verstarb 1995 in Brüssel.
Ihre Kinder leben heute in Großbritannien und Belgien.
Gertrud und Helene Warmann blieben bis zuletzt unfreiwillig staatenlos. Aufgrund der Diabetes und Herzerkrankung von Helene Warmann verzichteten die belgischen Behörden nach dem Krieg zwar auf eine Ausweisung, machten jedoch mehrfach klar, dass eine Ausreise erfolgen sollte, sobald es die Umstände erlaubten. Gertrud, die in Belgien vor ihrer Zeit im Versteck verschiedene Anstellungen ausgeübt hatte, eröffnete nun wieder ein Textilgeschäft und lebte bis zuletzt in Brüssel.
- Otto Avemarg (Bildmitte hinten) im Kreis der Eltern und Geschwister, ca. 1914
- Otto Avemarg (rechts) 1917 in Meiningen
- Otto Avemarg (Bildmitte vorn) im 1. Weltkrieg
- Ellinor Avemarg auf einer Zusammenstellung jüdischer Schüler in Halle
- Otto Avemarg, 50er Jahre
- Hochzeit von Ellinor und William Godderidge, im Hintergrund Gertrud und Helene Warmann
- Helene Warmann 1951
- Gertrud Warmann 1950
- Brief von Ellinor an die Oma in Brüssel, Dezember 1938: Liebe Oma und Tante Guzia (Gertrud) ich sitze jetzt hier bei der Oma in Thüringen und schreibe an euch. Es ist schon Abend und die Lampe brennt auch schon. Draußen vor der Tür ist eine Glander, denn hier liegt schon Eis auf der Erde. Mittwochfrüh geht die Reise los. Ich freue mich sehr darauf. Ich spiele jeden Tag mit Helmut, Hans und Karl-Rolf. Hoffentlich sehen wir uns bald. Es grüßen euch alle, Rolfkarl, Helmut, Tante Emeline und alle anderen. Euer Liebling Ellinor.
- Brief von Otto Avemarg an Schwägerin und Schwiegermutter in Brüssel: Obermaßfeld, den 17.12.38. Liebe Guzia (Gertrud) und Schwiegermutter. Wir sind heute den 1. Tag bei meinen Eltern und bleiben hier bis nächsten Mittwoch, da fahren wir dann ganz früh von hier und sind abends in Aachen. Liebe Guzia, Vella und ich wir haben unsere Pässe, ist alles in Ordnung. Bis zur Grenze kommen wir also ganz friedlich, aber was nachher? Unsere Koffer sind schon fort, sind in H(alle) anstandslos abgenommen worden und gehen durch bis Br(üssel). Schreibe uns sofort nochmal nach hierher, du wolltest uns doch einen Schein mit schicken, daß wir an der Grenze abgeholt werden. Die Schlüssel brauchte ich nicht anzumachen. Hoffentlich können wir bald auf Besuch bei Euch sein. Schreibe uns noch mal bestimmt. Wie geht es euch? Hoffentlich alles gesund. Ellinor ist auch recht mobil, die würde am liebsten hier bleiben. Mein Vater ist sehr hinfällig, ist sehr gealtert. Gott möge ihn noch lange erhalten, das ist mein Wunsch. Die Mutter ist noch ein wenig rüstiger, sie macht noch alle Arbeiten. Die Eltern und auch Geschwister lassen Euch grüßen. Bleibt gesund das ist unser Wunsch. Adresse ist: Obermaßfeld, über Meiningen. Otto (Anmerkung: Otto Avemargs Vater verstarb zwei Tage nach diesem Brief, jedoch noch vor Abreise der Familie nach Belgien)
Quellen und weiterführende Informationen:
Belgische Archivunterlagen, Fotos, Briefe und Berichte von Marian Thompson, Tochter von Ellinor Avemarg, England
Landesarchiv Nordrhein-Westfalen
Arolsen Archives
Hallesche Adressbücher
Deutsche Digitale Bibliothek
Stadtarchiv Halle
Sturmvogel – Flugverband der Werktätigen
https://de.wikipedia.org/wiki/Sturmvogel_%E2%80%93_Flugverband_der_Werkt%C3%A4tigen
Schrader-Verband
https://www.gdp.de/bund/de/das-sind-wir/gdp-historie/der-verband-preussischer-polizeibeamter























