Maybachstraße 2

 

Hier wohnten Elise Ney, geb. Gassenheimer, und ihr Sohn Hans Ney.

Elise Ney (* 10.6.1876) stammte aus Themar in Thüringen, wo ihre Familie mit „Joseph Gassenheimer & Söhne“ ein weit verzweigtes Unternehmen betrieb, das Landwirtschaftsmaschinen herstellte. Einige ihrer Geschwister hatten sich ab 1903 in Halle angesiedelt. Auch Elise ging nach Halle und lebte hier mit der Familie ihrer Schwester Minna Frankenberg in der Prinzenstraße 12.

1913 heiratete Elise Gassenheimer den ebenfalls jüdischen Lederhändler Max Mosche Ney (* 18.2.1863 in Halberstadt) und zog zu ihm nach Halberstadt. Hier kam am 12. Dezember 1913 Sohn Hans zur Welt.

Die Ehe von Elise und Max Ney wurde bereits 1915 geschieden. Elise Ney ging daraufhin mit Sohn Hans zurück nach Halle. Hier lebten mittlerweile drei ihrer Geschwister: Georg Gassenheimer mit Frau Selma und Tochter Ruth, Minna Frankenberg mit ihrem Mann Nathan und Sohn Siegfried (->STOLPERSTEINE Feuerbachstraße 74) sowie Emma Marcus mit Mann Simon und den drei Söhnen(->STOLPERSTEINE Kirchnerstraße 17). Anfangs wohnte Elise Ney mit Hans in der Reilstraße 16, später dann in der Maybachstraße 2. Den Lebensunterhalt verdiente sie durch kaufmännische Tätigkeiten für die Firma ihres Bruders Georg Gassenheimer.

Im April 1938 wurde der 24-jährige Hans Ney im Zuge der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ von der Kriminalpolizei in Halle verhaftet.
Von dieser „Aktion“ zwischen April und Juni 1938 waren über 10.000 Menschen, fast ausschließlich Männer, in Konzentrationslager verschleppt worden. Hans Ney wurde am 25.4. in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht, wo er Zwangsarbeit leisten musste. Er erhielt die Häftlingsnummer 89.
Auf einer Karteikarte des Konzentrationslagers wurde als Beruf „Kraftfahrer“ vermerkt.

Am 21. Mai 1938, knapp einen Monat nach seiner Einlieferung ins KZ, wurde Hans Ney zu seiner Mutter nach Halle entlassen. Er bemühte sich nun darum, aus Deutschland fortzukommen, was zu diesem Zeitpunkt nicht mehr einfach war. Wahrscheinlich zu diesem Zweck erhielt er von der Jüdischen Gemeinde Halle finanzielle Unterstützung für sechs Monate. Das Geld diente wohl dazu, Hans Ney eine Ausbildung zu ermöglichen. Damit sollten seine Chancen auf Auswanderung erhöht werden, da einige Länder nur Menschen mit dort benötigten Berufen aufnahmen. Vor diesem Hintergrund ging Hans Ney zunächst nach Berlin, im Juni 1939 wechselte er nach München, wo der Landesverband der Jüdischen Gemeinden eine „Unterrichtsanstalt zur Ausbildung jüdischer Jugendlicher als Handwerker“ eingerichtet hatte. Auch auswanderungswillige Erwachsene wurden hier wahlweise in Schweißtechnik oder Möbelherstellung ausgebildet. Hans Ney absolvierte die Ausbildung zum Schweißer und wohnte in dieser Zeit zunächst in einem jüdischen Lehrlingsheim, ab Oktober 1940 in einem jüdischen Krankenheim.

Dieter Marcus, ein Cousin von Hans Ney, erinnert sich, wie dieser zu Besuch bei seiner Familie in Halle kam und sein Schweißzubehör zeigte. Hans Ney erzählte auch von seiner Freundin Anneliese aus München. Anneliese Treumann (* 7.2.1923 in Regensburg) lebte seit dem Tod ihrer Mutter 1937 mit ihrer Großmutter zusammen. Wie Hans Ney bereitete sich auch Anneliese Treumann durch eine Ausbildung auf die Auswanderung nach Palästina vor. Doch dazu kam es nicht mehr. Ab 1941 war sie zur Zwangsarbeit in der Flachsröste Lohhof, etwas außerhalb von München, verpflichtet worden. Die Großmutter schrieb über Anneliese: „Sie geht morgens um 5.30 Uhr aus dem Haus und kehrt abends um 6.30 Uhr zurück, bringt Essen für den ganzen Tag mit, sie muss im Freien arbeiten.“ Später musste Anneliese auf dem Fabrikgelände der Flachsröste schlafen und durfte nur an den Wochenenden ab und zu nach München fahren. Dort traf sie sich dann stets mit Hans Ney, der sie bereits am Bahnhof empfing.

Im März 1942 erhielten Hans Ney und Anneliese Treumann ihren Deportationsbescheid. In den frühen Morgenstunden des 4. April 1942 startete der Transport mit insgesamt 987 Personen. Zwei Tage später, am 6. April, erreichte er das Ziel: das Ghetto Piaski in der Nähe von Lublin. Von dort wurden die Deportierten auf verschiedene Ghettos in der Umgebung verteilt, einige blieben in Piaski.

Vier Postkarten erhielt Anneliese Treumanns Großmutter, Lina Binswanger, noch aus Piaski: In einer teilte Anneliese mit, dass sie und Hans heiraten wollen. Zwei Postkarten stammten von Hans: In der ersten berichtete er, dass Anneliese zur Zwangsarbeit in den Sümpfen eingeteilt worden war, in der zweiten schrieb er, keine Nachricht mehr von Anneliese erhalten zu haben. Dies war das letzte Lebenszeichen des 29-jährigen Hans Ney. Dann verliert sich seine Spur.
Die vierte Postkarte vom 7. September 1942 stammte von einer Freundin von Anneliese, in der sie berichtete, Nachricht von dieser erhalten zu haben. Danach verliert sich auch Anneliese Treumanns Spur. Sie war zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alt.
Wahrscheinlich ist, dass Hans Ney und Anneliese Treumann entweder aufgrund der schlechten Lebensbedingungen in den Ghettos starben oder in einem der nicht allzu weit entfernten Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka – Lager der „Aktion Reinhardt“ – ermordet wurden. In der „Aktion Reinhardt“ ermordeten die Nationalsozialisten zwischen März 1942 und Oktober 1943 mindestens 1,6 Millionen Juden und Roma. Sie galt nach außen als Reaktion auf das Attentat auf Reinhardt Heydrich, SS-Obergruppenführer und NS-Polizeigeneral aus Halle.

Elise Ney zog, wohl nachdem ihr Sohn aus Halle weggegangen war, erneut zu ihrer Schwester und ihrem Schwager – Minna und Nathan Frankenberg – in die Kurfürstenstraße 74. Als die nationalsozialistischen Rassengesetze Juden und „Ariern“ 1939 jedoch verboten, unter einem Dach zu wohnen, waren alle drei gezwungen, die Wohnung zu verlassen. Ab 1942 musste Elise Ney, wie auch Minna und Nathan Frankenberg, in das angebliche „Altersheim“ auf dem Grundstück des Jüdischen Friedhofs in der Boelckestraße 24 (heute Dessauer Straße) ziehen. In Wahrheit pferchte man hier Juden vor ihrer geplanten Deportation auf engstem Raum zusammen. Am 19. September 1942 wurde Elise Ney, zusammen mit ihrer Schwester Minna Frankenberg und deren Mann, nach Theresienstadt deportiert.

Elise Ney starb kurz nach ihrer Ankunft im Konzentrationslager Theresienstadt am 6. Oktober 1942 im Alter von 66 Jahren.

Auch ihr Schwager Nathan Frankenberg sowie ihr geschiedener Mann Max Ney starben in Theresienstadt. Ihre Schwester Minna Frankenberg überlebte und kehrte nach der Befreiung des Lagers nach Halle zurück.

 


Quellen und weiterführende Informationen:

Stadtarchiv Halle (Saale), insbesondere Nachlass Gudrun Goeseke

Bundesarchiv

Arolsen Archives

Yad Vashem

Centrum Judaicum Berlin

Volkhard Winkelmann und ehemaliges Schülerprojekt „Juden in Halle“ des Südstadt-Gymnasiums Halle (Hrsg.): Unser Gedenkbuch für die Toten des Holocaust in Halle. 3. Auflage (2008)
Eintrag zu Hans Ney
Eintrag zu Elise Ney

Nachfahren der Familie Gassenheimer, insbesondere Dieter Marcus

Zur Geschichte der Familie Gassenheimer viele weitere Informationen unter https://judeninthemar.org/de/die-familie-samuel-und-lotte-geb-stein-gassenheimer/
– ein Projekt der kanadischen Forscherin Sharon Meen.

Das Biografische Gedenkbuch der Münchner Juden 1933-1945
Eintrag zu Hans Ney

Erinnerungszeichen, Landeshauptstadt München
Eintrag zu Anneliese Treumann

Forum Unterschleißheim, NS-Zwangsarbeit in der Flachsröste Lohhof
Eintrag zu Annemarie Treumann

Über die Deportation von München nach Piaski am 4.4.1942: https://gedenkbuch.muenchen.de/index.php?id=piaski

Das Leben in der Boelckestraße 24 – Auf den Spuren von Isidor und Frieda Hirsch
Ein Film von Inga Dauter, Doreen Hoyer und Elisabeth Schinner (2014, 13 Min)
Entstanden im Rahmen des Projekts „Stolpersteine – Filme gegen das Vergessen“ des Masterstudiengangs MultiMedia & Autorschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 2014