Neumarktstraße 3

(ehemals Neumarktstraße 6)

 

Hier wohnten
Josef und Therese Kessler mit ihren Kindern Berthold, Maria, Rosa und Rosita Kessler
sowie Franz Hugo und Maria Petermann mit ihren Kindern Franz und Helga Petermann

 

Deportiert/ermordet im „Zigeunerlager Auschwitz-Birkenau”

Am Dienstag, den 13. April 1943 starb Helga Petermann, 11 Monate alt.
Am Freitag, den 7. Mai 1943 starb Franz Petermann, 25 Monate alt.
Am Mittwoch, den 9. Februar 1944 starb Maria Petermann, 20 Jahre alt.
Am Dienstag, den 15. Februar 1944 starb Franz Hugo, 23 Jahre alt.
Am Donnerstag, den 1. Juli 1943 starb Rosita Kessler, 6 Monate alt.
Am Sonnabend, den 13. Februar 1943 starb Rosa Kessler, 4 Jahre alt.
Am Montag, den 10. Januar 1944 starb Maria Kessler, 7 Jahre alt.
Am Mittwoch, den 3. November 1943 starb Berthold Kessler, 8 Jahre alt.
Am Montag, den 27. Dezember 1943 starb Josef Kessler, 28 Jahre alt.
Überlebt hat Therese Kessler. Sie ist 2002 in Offenbach/Main verstorben.

 

Familie Kessler

Josef Kessler wurde am 6.1.1915 in Düsseldorf geboren. Seine spätere Frau Therese kam am 14.1.1913 in Steinbach zur Welt. Da Thereses Eltern zunächst nicht verheiratet waren, erhielt sie bei der Geburt den Nachnamen ihrer Mutter Elisabeth Delis (1882–1943). Nachdem ihre Eltern später heirateten, nahm die gesamte Familie den Nachnamen des Vaters Hermann Jochum (1888–1966) an.
Sowohl Therese als auch Josef Kessler stammten aus Sinti-Familien. Wie viele Angehörige dieser Minderheit waren sie katholisch und verdienten ihren Lebensunterhalt im Wandergewerbe: Josef Kessler arbeitete als Pferdehändler und Schleifer, Therese Kessler als Händlerin für Kurz- und Textilwaren. Aufgrund dieser Tätigkeit wechselte die Familie häufig ihren Wohnort. So wurde jedes der vier Kinder an einem anderen Ort geboren.
Am 8.1.1935 wurde Berthold Jochum im Krankenhaus von Bensheim geboren. Seine Mutter lebte zu dieser Zeit in Hähnlein, einem kleinen Ort bei Bensheim; vermutlich hielt sich auch Josef Kessler dort auf. Das Paar war zum Zeitpunkt der Geburt noch nicht verheiratet.  Am 18.1.1936 wurde Maria Jochum, das zweite Kind des Paares, in Eschweiler geboren. Am 20.2.1939 kam in Offenbach Tochter Rosa Jochum zur Welt. Später zog die Familie nach Halle, wo Josef und Therese im November 1940 standesamtlich heirateten. Von diesem Zeitpunkt an trugen alle Familienmitglieder den Nachnamen Kessler, und die Kinder erhielten den rechtlichen Status ehelich Geborener.
Am 27.12.1942 wurde in Halle mit Rosita das vierte Kind des Paares geboren.

Bereits im Kaiserreich und in der Weimarer Republik gab es staatliche Versuche, Sinti und Roma durch besondere Vorschriften zu erfassen und ihre Mobilität einzuschränken. Die Nationalsozialisten griffen diese Maßnahmen aufgrund ihrer rassenideologische Vorstellungen auf und erweiterten sie. Ab 1933 wurden Sinti und Roma – ebenso wie andere Gruppen – zunehmend ausgegrenzt, entrechtet und verfolgt.
Schon ab 1935 entstanden in einigen Städten teils bewachte Lager, in denen die in der Umgebung lebenden Sinti zwangsweise untergebracht wurden. Behörden im gesamten Deutschen Reich waren angewiesen, sogenannte „Zigeuner“ erkennungsdienstlich zu erfassen und rassenbiologisch zu untersuchen. Später wurde ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. Ab 1938 begannen Deportationen in Konzentrationslager; Besitz und Vermögen der Betroffenen wurden vom Staat konfisziert.
Mit dem „Auschwitzerlass“ von Heinrich Himmler im Februar 1943 begann schließlich die systematische Deportation nahezu aller noch im Deutschen Reich sowie in den besetzten Gebieten lebenden Sinti und Roma. Mehr als 23.000 Menschen wurden in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort lebten sie meist im Familienverband im sogenannten „Zigeunerfamilienlager“, einem abgetrennten Bereich des Lagers, wo sie den schwarzen Winkel – für die Häftlingskategorie der „Asozialen“ – tragen mussten. Später wurde für die Gruppe der Sinti der braune Winkel eingeführt. Bis zur Auflösung des „Zigeunerlagers“ im August 1944 wurden in Auschwitz mehr als 20.000 Sinti und Roma ermordet.

Von der Deportation nach Auschwitz war auch Familie Kessler betroffen. Am 3.3.1943 wurden alle sechs Familienmitglieder von der Kriminalpolizei in Halle verhaftet und in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Ihre Ankunft im sogenannten „Zigeunerlager“ ist für den 8.3.1943 dokumentiert. Aus bislang ungeklärten Gründen traf Rosa Kessler jedoch erst am 15.10.1943 im Lager ein. Als sie wieder zu ihrer Familie stieß, war ihre jüngere Schwester Rosita bereits tot. Laut Lagerbuch verstarb sie am 1.7.1943 im Alter von nur sechs Monaten.
Ihr Bruder Berthold Kessler starb am 3.11.1943 im Alter von acht Jahren. Als offizielle Todesursache wurde ein akuter Magen-Darm-Katarrh angegeben.
Der Tod von Josef Kessler ist für den 27.12.1943 vermerkt – auf den Tag genau ein Jahr nach der Geburt seines jüngsten Kindes Rosita. Er wurde 28 Jahre alt.
Maria Kessler starb laut Lagerbuch am 10.1.1944 im Alter von sieben Jahren.
Am 13.2.1944 starb auch das letzte Kind der Familie, Rosa Kessler, – acht Tage vor ihrem fünften Geburtstag.

Therese Kessler wurde in Auschwitz-Birkenau Opfer medizinischer Menschenversuche.
Im Lager befand sich ein Labor des Hygiene-Instituts der Waffen-SS. Leiter dieses Instituts, das Experimente an Häftlingen in verschiedenen Konzentrationslagern organisierte und durchführte, war Joachim Mrugowsky. Mrugowsky hatte ab 1925 an der Universität Halle studiert. Dort promovierte er 1930, legte 1931 das ärztliche Staatsexamen ab und habilitierte sich 1937. Ab 1933 arbeitete er als Assistent am Hygienischen Institut der Universität Halle. 1934 erhielt er dort einen Lehrauftrag für „Menschliche Erblichkeitslehre und Rassenhygiene“ für Medizinstudenten. Später ging er zunächst nach Hannover und 1937 nach Berlin, wo er von Himmler zum Leiter des im Aufbau befindlichen Hygiene-Instituts der Waffen-SS ernannt wurde. Im März 1944 wurden an Therese Kessler ohne ihre Einwilligung oder Aufklärung medizinische Versuche durchgeführt. Aus erhaltenen Labordokumenten geht hervor, dass sie für Experimente mit Impfstoffen oder Medikamenten gegen Gonokokken, Tuberkulose, Paratyphus und Ruhr herangezogen wurde. Unterzeichnet sind die Dokumente von SS-Untersturmführer Klein. Dabei handelt es sich um den Arzt Fritz Klein (1888–1945), der unter anderem im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau medizinische Versuche an Menschen vornahm und auch Selektionen für die Gaskammern durchführte – laut Aussagen von Häftlingen mit sichtbarer Freude.

Am 19.4.1944 wurde Therese Kessler an das Konzentrationslager Ravensbrück überstellt und von dort zur Zwangsarbeit geschickt. Ab 17.8.1944 war sie dem KZ Buchenwald unterstellt, dem nun – anstelle von Ravensbrück – die Verwaltung und Organisation der Zwangsarbeit übertragen worden war. Therese Kessler musste Zwangsarbeit für den Leipziger Rüstungsbetrieb Hugo Schneider AG leisten, zunächst in Schlieben (Brandenburg), später in Altenburg. An beiden Orten wurden Panzerfäuste und Munition hergestellt. Mitte August 1944 waren über 1.000 weibliche Häftlinge von Schlieben nach Altenburg gebracht worden, darunter Therese Kessler. Im April 1945 räumte die SS schließlich das dortige Lager.
Therese Kessler überlebte als einzige ihrer Familie.
Nach Kriegsende fand sie zunächst bei Verwandten in Offenbach Zuflucht. Im Juni 1947 heiratete sie dort erneut: den Händler Josef Petermann, ebenfalls ein Überlebender der Konzentrationslager. Therese Kessler lebte bis ins hohe Alter in Offenbach und starb dort im Jahr 2002.

 

Zu Familie Petermann, die ebenfalls in der Neumarktstraße gelebt hat, liegen bislang keine weiteren Informationen vor.

 



Quellen:

Arolsen Archives

Gedenkstätte Buchenwald: https://aussenlager.buchenwald.de

Standesamt Bensheim

Standesamt Eschweiler

Standesamt Offenbach