
IN MEMORIAM
Stefan Lauter
*1967 in Berlin
+ 2026 in Berlin
Ein Nachruf von Grit Poppe
Ich lernte Stefan Lauter im April 2008 kennen. Wir trafen uns für ein Gespräch in Berlin am Alexanderplatz, Treffpunkt war natürlich die Weltzeituhr.
Von dort liefen wir um den Fernsehturm herum, setzten uns auf irgendeine Bank, liefen wieder um den Fernsehturm herum, gingen irgendwo einen Kaffee trinken und Stefan erzählte.
Es würde nicht unser einziges Gespräch bleiben, denn von da an trafen wir uns häufiger, ich fragte und Stefan antwortete, sprach über seine Kindheit, über einen abwesenden Vater, der hauptamtlich für die Stasi arbeitete, den schlagenden Stiefvater und über eine Mutter, die zunehmend die Geduld mit dem rebellischer werdenden Sohn verlor. Vor der Gewalt flüchtete Stefan als Kind schon mal in die Hundehütte, versteckte sich dort, schlief dort, Bella, die Hündin, war die einzige Vertraute. Durch eine erste Freundin begann er als Jugendlicher die Junge Gemeinde zu besuchen, hinterfragte in der Schule zunehmend, was der Lehrer in Staatsbürgerkunde von sich gab und wurde von diesem als Staatsfeind bezeichnet. In der 10. Klasse trat er öffentlich aus der FDJ aus, in der Aula, vor versammelter Mannschaft.

Er wurde Punk, trieb sich am Alex und auf der Straße herum. Als er ein Moped „unbefugt benutzte“, wurde er erwischt – in dem Moment, als er es zurückbrachte. Stefan wurde verurteilt und bekam ein Jahr Jugendhaft. Während der Gerichtsverhandlung sagte sich seine Mutter von ihm los mit den Worten „Ich habe keinen Sohn Stefan mehr“. Ein Satz, der ihn zutiefst kränkte und nachhaltig verletzte. Die Jugendrichterin, die ihn verurteilt hatte, erkannte Tragik und Verzweiflung, rügte die Mutter wegen dieser Äußerung sogar. Später, nach einem zufälligen Treffen, nahm sie Stefan eine Weile unter ihre Fittiche und er wohnte sogar zeitweise bei ihr, der Jugendrichterin, die Jugendliche verknackte, aber Mitleid mit ihnen hatte und ein Verständnis aufbrachte, das Stefan im Elternhaus fehlte.
Seine Haftstraße verbüßte er im Jugendhaus Halle, litt unter Gewalt und Drill, machte einen Selbstmordversuch. Ein ehemaliger Lehrer, der in der Haftanstalt ebenfalls inhaftiert war, dort in der Bibliothek arbeitete, kümmerte sich von da an um den Jungen, gab ihm Bücher zu lesen und vielleicht etwas Hoffnung. (Diese Geschichte erzählte ich nach Stefans Berichten in dem Roman „Schuld“.)

Das ehemalige Jugendhaus Halle im Jahr 2022
Foto: Marcus Andreas Mohr
Doch nach der Entlassung landete Stefan nicht in der beschränkten Freiheit der DDR, sondern im Jugendwerkhof Freital. Er fühlte sich ungerecht behandelt, versuchte durch Aufmüpfigkeit Widerstand zu leisten und wurde schließlich in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau eingewiesen.
Über seine Zeit in Torgau sprach er oft aufgebracht, mit Bitterkeit, aber vor allem mit dem Bedürfnis, dass ihm endlich zugehört wird. Ich hörte ihm zu, fragte und fragte und hatte das Glück, dass Stefan sich genau erinnern konnte, an jedes kleine furchtbare Detail.
Die Berichte machten mich zunehmend wütend. Mit dieser Wut im Bauch verwendete ich einen Teil seiner Erinnerungen und eben diese Details, um den Roman „Weggesperrt“ zu schreiben. Auch andere Zeitzeugen interviewte ich in diesen Tagen, aber Stefan blieb der „Hauptbelastungszeuge“ gegen das Regime, das in Torgau geherrscht hatte. Als die Rohfassung von „Weggesperrt“ fertig war, las er sofort das gesamte Manuskript, schrieb von Tränen und dass ich zu 99% alles richtig dargestellt hätte. Der einzige Fehler sei, dass Stefan in der Geschichte Anja heißen würde. Ich war erleichtert über seine Reaktion. Ich wusste, dass ich ihm viel zu verdanken hatte. Ohne ihn hätte es den Roman nie gegeben.
Zur Buchpremiere 2009 nahm ich Stefan und Kerstin Kuzia, die ebenfalls im Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau gewesen war, mit, natürlich auch mit auf die „Bühne“. Später begleitete mich Stefan oft auf Lesereise, da ich den Schulen Lesung und Zeitzeugengespräch anbot und „Weggesperrt“ Prüfungslektüre in Baden-Württemberg wurde. Die meisten Lehrerinnen und Lehrer im Ländle zeigten sich erfreulich offen, so tingelte ich mit Stefan oder der Zeitzeugin von Schule zu Schule. Das Konzept funktionierte gut, die Schülerinnen und Schüler ließen sich auf das Gehörte ein, holten sich auch von Stefan ein Autogramm nach der Lesung. „Das ist das erste Buch in meinem Leben, das ich durchgelesen habe“, sagte mir ein Schüler – sichtlich stolz.

Stefan Lauter bei einer Lesung mit Grit Poppe
Auch damals hatte Stefan schon gesundheitliche Probleme und rauchte zu viel. Manchmal bekamen wir Ärger, weil er zwischen zwei Veranstaltungen auf dem Pausenhof rauchte. Stefan regte sich dann immer ein wenig auf und steckte sich in irgendeiner Ecke die nächste Zigarette an.
Ein Vorteil für mich war: Solange Stefan dabei war, gab es meist keine Disziplinschwierigkeiten – selbst, wenn 200, 300 oder sogar mehr pubertierende Schülerinnen und Schüler vor uns saßen, da die Schulen manchmal eine Stadthalle gemietet hatten. Im Gegenteil, es war meist mucksmäuschenstill, oft dauerten die Veranstaltungen viel länger als geplant, da die Jugendlichen so viele Fragen hatten. Stefan war fast immer mit schwarzem Rammstein-Shirt, olivgrüner Cargohose und Käppi bekleidet. Als Anschauungsmaterial zum Geschlossenen Jugendwerkhof brachte er Gummiknüppel, Handschellen und Knebelkette mit. Dass er gar nicht so hart war, wie er da tat, wusste nur ich.
Auch nach der Prüfung setzten sich die Lesereisen fort, in BaWü, Hessen und anderswo, sogar nach Ost-Belgien wurden wir eingeladen, eher selten in Schulen, die nicht im Westen lagen. Eine Lesung im Roten Ochsen in Halle verbanden wir mit einem Besuch in dem ehemaligen Jugendhaus Halle, auch wenn wir nur bis zum Stacheldrahtzaun und zur Gefängnismauer kamen. Sein älterer Sohn Yves war dabei. Natürlich bekam ich nach und nach mehr mit von Stefans Konflikten und Problemen, den gesundheitlichen und privaten. Ich versuchte ihn zu ermutigen und zu unterstützen, als er Kontakt zu seinem jüngsten Sohn aufnehmen wollte, Farin, damals 9 Jahre alt. Der Versuch misslang leider. Es war schwer für Stefan. Er wirkte ziemlich verzweifelt.
Im Lauf der Zeit wurden vor allem die körperlichen Beschwerden mehr, er sagte Veranstaltungen ab, hörte schließlich auf mit der Zeitzeugenarbeit, auch wenn ihn das Thema Torgau weiter verfolgte. So stand er 2017 mit anderen Zeitzeugen auf der Bühne des Schauspielhauses Dresden für das Stück „Der Weg ins Leben“. Natürlich fuhr ich hin und sah mir das an. Er machte seine Sache gut und freute sich, glaube ich, dass ich gekommen war.
Stefan lud nie zu sich nach Hause ein, er war schon ein ziemlicher Einzelgänger, der niemanden nah an sich heranließ, verbarrikadierte sich in seiner Wohnung, hörte da Rammstein u. ä. und nervte seine Nachbarn damit. Einladungen zu mir nach Potsdam nahm er selten an, der Kontakt blieb dennoch erhalten, wir trafen uns manchmal auf Heimkinder-Demos und Aufarbeitungs-Veranstaltungen. Er schickte Mails und oft ging es darum, wie schlecht es ihm ging. Dass er therapeutische Unterstützung bekam, wusste ich. Aber ob die genügte? Meine „Ratschläge“ mit dem Rauchen aufzuhören, gesünder zu leben, als er es offensichtlich tat, ignorierte er. Rauchen gehöre zu seiner Freiheit, seit es ihm in Torgau verboten worden war. Für mich sah das nach Selbstzerstörung aus und das sagte ich ihm auch. Wo die Ursachen lagen, wusste ich natürlich und Stefan sicher ebenso, nur fand er keinen Weg aus diesem Teufelskreis. Ich fühlte mich zunehmend hilflos, versuchte den Therapeuten auf die Misere aufmerksam zu machen, auf die „Chronik eines angekündigten Todes“, wie es mir letztlich vorkam, aber Therapeuten haben eben mehr als nur einen Patienten.
Mit Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine, erwachte Stefans „Rebellentum“ wieder, er engagierte sich für die Ukraine, gegen die himmelschreiende Ungerechtigkeit und war bei Protestaktionen dabei. Er fand dort neue Wegbegleiter, so sah es für mich zumindest aus. Unser Kontakt wurde weniger, auch wenn er nie abriss. Dass er immer mal wieder im Krankenhaus lag, beunruhigte mich natürlich. Anfangs bot ich ihm Hilfe an, obwohl ich nicht wusste, wie ich ihm helfen sollte. Es überraschte mich nicht, dass er auf diese Versuche nicht einging. Irgendwie hoffte ich auch diesmal, dass er aus der Klinik bald wieder herauskäme, schrieb ihm Anfang des Jahres eine Nachricht – sie blieb ohne Antwort.
Stefan, es tut mir sehr leid. Ich danke Dir für Deine Freundschaft. Ich werde dich nie vergessen.
Stefan Lauter 2014 bei einem Zeitzeugenvortrag zu Jugendwerkhöfen der „DDR“ im Rosenstein Gymnasium in Heubach:

