IN MEMORIAM
Elizabeth „Lisle“ Kulbach
*4. April 1948 in Berlin
+7. Juni 2024 Arlington, Massachusetts

 

Ein Nachruf von Anne Kupke-Neidhardt

Kennengelernt habe ich Lisle Kulbach im Frühjahr 2022.
Wir hatten die Recherchen für die Stolpersteine in der Dölauer Straße 46 begonnen, als Katja Schneider-Stief, die sich federführend darum kümmerte, herausfand, dass in diesem Haus neben Marguerite Friedlaender auch die Familie Frankl gewohnt hatte, ihr das Haus sogar gehörte.
Zu solchen Projekten gehört es, Nachfahren oder Angehörige zu finden, um sie beteiligen zu können. Lisle Kulbach hat mich später mal gefragt, wie ich sie gefunden hätte, von allen möglichen Personen ausgerechnet sie, die sich in der Familie um die Familiengeschichte kümmert. (So eine Person gibt es in vielen Familien, wie ich immer wieder feststelle.) Die Antwort war einfach: Ihr nicht ganz gewöhnliche Name war leicht zu finden im Internet.
Ich schickte der Musikschule in Boston, an der sie als Lehrerin tätig war, eine Nachricht, dass ich Kontakt zu ihr in einer eher privaten Angelegenheit suche und dass ich aus Halle in Deutschland schreibe. So machen wir das oft, wenn wir im Ausland Angehörige jüdischer Familien suchen. Wenn Halle dabei steht, wissen die Leute meist gleich, worum es geht.
Sie schrieb prompt zurück und unterstützte uns in den folgenden Monaten sehr. Sie nutzte die Gelegenheit, all ihre gesammelten Dokumente, Briefe, Fotos durchzugehen. Die Originale lagen teilweise schon im Leo Baeck Institut in New York. Auch für Lisle Kulbach war das eine emotionale Reise in die Familiengeschichte, hineingeschubst von einem Moment auf den anderen, von völlig fremden Menschen auf der anderen Seite des Atlantik.
Die Kunsthistorikerin und frühere Direktorin des Kunstmuseums Moritzburg Katja Schneider-Stief führte dann mit großer Umsicht den Briefwechsel und war uns bei der Vorbereitung der Stolpersteinverlegung eine unschätzbar große Hilfe. Sie betreute auch Lisle Kulbach (und ihre große Familie) als diese zur Stolpersteinverlegung im Oktober 2022 nach Halle kam.  Lisle Kulbach verbrachte etwa 10 Tage in Halle. Sie hatte eine große Ferienwohnung angemietet, die sich nach und nach mit weiteren Verwandten füllte. Auch Freunde waren dabei. Sie kamen aus den USA, Italien, Deutschland soweit ich mich recht erinnere. Insgesamt kamen von der Frankl-Familie etwa 20 Angehörige nach Halle.
Bei der Stolpersteinverlegung vor dem Haus in der Dölauer Straße 46 sprach Lisle Kulbach. Ihre Rede ist hier nachzulesen.

Lisle Kulbach am Mikrofon anl. der Stolpersteinverlegung in der Dölauer Str. 46

Der Verlegung folgte ein Festakt im Robertinum der Martin-Luther-Universität, der das Wirken ihres Großvaters, des bedeutenden Kunsthistorikers Paul Frankl, würdigte.
In den Folgetagen suchte Lisle Kulbach frühere Wirkungsstätten der Familie auf.
Prof. Sack und seine Frau, die heute in der ehemaligen Wohnung der Großeltern leben, luden Frau Kulbach zum Kaffee in ebendiese Wohnung ein. Es hat sie sehr gefreut, die Räume zu sehen, in denen viele Familienfotografien entstanden.
Ich besuchte mit ihr den Paul-Frankl-Weg im damals ganz neuen halleschen Waldstraßenviertel. Dass es diesen Weg überhaupt gibt, fand ich nur zufällig via Google heraus. Er hat nur an einer Einfahrtsseite ein Straßenschild, dort entstand das Foto.

2022 im Paul-Frankl-Weg

Über die Straßenbenennung war die Familie nicht informiert worden, was mich ärgerte, Lisle Kulbach aber sehr großmütig hinnahm. Wir liefen anschließend auch durch Kröllwitz zur Petruskirche. Die Frankls hatten zwar eine jüdische Herkunft, waren aber selbst evangelisch und hatten auch ihre Kinder taufen lassen. Laut Überlieferung hatte eine Tante Lisle Kulbachs am Heiligen Abend in der Petruskirche sogar einmal beim Krippenspiel einen Auftritt als Engel.

Lisle Kulbach wurde 1948 in Berlin geboren.
Die Mutter, Johanna Kulbach geb. Frankl (*1912), war das einzige Kind von Paul und Elsa Frankl, das während der NS-Zeit in Deutschland geblieben war. Sie wurde Musikpädagogin und heiratete im Mai 1933 in Halle den Buchhändler Richard Kulbach. Sie gab in Heimen des halleschen Jugendamtes Unterricht in Musik und Rhythmik. Nach 1933 durfte sie nur noch privat und ausschließlich jüdische Kinder unterrichten. Johanna wohnte bis zu ihrer Hochzeit in der Dölauer Straße bei den Eltern, danach im Finkenweg 17c.

Der Vater, Richard Kulbach (*1903), brachte seinen zweieinhalbjährigen Sohn Bernhard mit in die Ehe. Nach dem Tod seiner ersten Frau war der Junge bei seinem Schwager untergebracht. Nun, mit einer neuen Frau, konnte er ihn wieder zu sich nehmen. Als Bernhard jedoch nicht viel später einmal bei Richards Halbschwester und ihrem Mann, zwei überzeugten Nationalsozialisten, zu Besuch war, verweigerten sie seine Heimkehr, da Richards jüdische Frau ihn nicht entsprechend erziehen könne. Sie gaben den Jungen in ein ‚nationalpolitisches Internat (Napola)‘. Es dauerte 10 Jahre, bis der Vater ihn wiedersehen konnte.
Richard Kulbach verlor auch, da er als „jüdisch versippt“ galt, bald nach 1933 seinen Gesellschafteranteil an der halleschen Universitäts- und Fachbuchhandlung Ludwig Hofstetter und erhielt dort sogar Zutrittsverbot. Er verlegte sich zunächst auf einen privaten Antiquariatsversand, ließ sich dann aber zum Elektrotechniker ausbilden und arbeitete nach dem Umzug ins anonymere Berlin für eine Fernsteuerungsfirma.

Johanna wurde 1942 zur Zwangsarbeit verpflichtet. Sie musste bis Kriegsende für Nazioffiziere Kartoffeln schälen und Richard Kulbach ab 1944 die Druckmaschinen einer Färberei reinigen. Nach der Ausbombung ihrer Berliner Wohnung kamen sie bei Johannas Cousine Charlotte Landesberger und ihrem katholischen Mann Ernst Löslein in Karlshorst unter, die ebenfalls in einer „Mischehe“ lebten. Als ab Januar/Februar 1945 begonnen wurde, auch jüdische Ehepartner solcher „Mischehen“ zu deportieren, hatte Johanna Kulbach Glück und blieb verschont.

Johanna und Richard Kulbach Anfang der 1930er Jahre

Nach Kriegsende fand Richard Kulbach in Weimar eine Anstellung als Referent im Ministerium für Volksbildung der sowjetischen Besatzungsmacht. Er weigerte sich, in die SED einzutreten und floh nach West-Berlin. 1947 wurde er dort an den Dahlemer Museen als Bibliothekar eingestellt. Neun Monate nach der Geburt seiner Tochter Lisle, hatte er einen tödlichen Unfall. Johanna Kulbach, plötzlich Witwe ohne finanzielle Mittel, zog mit Lisle in die USA zu ihren Eltern und baute sich in New York eine neue Existenz als Musiklehrerin auf.

Paul Frankl mit Enkeltochter Lisle 1954

Die Sommer der 50er Jahre verbrachte Johanna Kulbach mit Lisle beim „Trapp Family Music Camp” in Stowe, Vermont, wo sie unterrichtete. Das Camp wurde organisiert von der Familie von Trapp. Sie erlangte weltweite Berühmtheit durch die Verfilmung ihrer Geschichte als aus Österreich vor den Nazis geflohener Familie im Musical „Sound of Music“. Dieser Film ist international etwa so bekannt wie hierzulande die Sissi-Filme.

Lisle und Johanna Kulbach Ostern 1954 im Haus der Familie Trapp in Stowe

1955 in Stowe, Maria von Trapp am Steuer, Lisle hinten im Hintergrund

Johanna Kulbach mit Maria von Trapp 1954 in Stowe, Vermont

So kam auch Lisle früh zur Musik. Sie war später eine vielseitige Sängerin, beherrschte Blas- und Streichinstrumente, das Klavier, Schlagzeug und wurde ausgebildete Musikerin und Musiklehrerin.
Sie war Mitglied verschiedener Musikensembles und Gründungsmitglied der Gruppe Voice of the Turtle, die sephardische Musik, also Kompositionen spanischstämmiger Juden, spielte und mit der sie durch die ganze Welt tourte.
Engagiert war sie seit seiner Gründung auch im Early Music Workshop in Bloomsburg, Pennsylvania, der sich für die Förderung der Alten Musik einsetzt.
Neben der Musik gehörte auch das Reisen zu ihren großen Leidenschaften.
Als sie uns 2022 in Halle besuchte, hatte sie bereits die Diagnose Krebs bekommen. Trotzdem versuchte sie bis zuletzt, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Sie verstarb friedlich am 7. Juni 2024 in Arlington bei Boston.

 

2022 entstand der Film „Ivy Roots“ (Efeuwurzeln), an dem Lisle Kulbach in Halle mitwirkte. Studenten des Studiengangs Multimedia&Autorschaft der Martin-Luther-Universität haben ihn gedreht. Er ist über Youtube abrufbar: