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6.Oktober 2004
Brief von Gudrun Goeseke
(Mitglied der Jüdischen Gemeinde zu Halle und Vorstandsmitglied
im Verein Zeit-Geschichten)
an Max Privorozki (Vorsitzender der Jüdischen
Gemeinde zu Halle)
Sehr geehrter Herr Privorozki,
in Ihrer Presseerklärung bezeichnen Sie, die auf
dem Gertraudenfriedhof errichtete Grabanlage als "Gedenkstätte
für Häftlinge, die als verurteilte Kriegsverbrecher und
Naziaktivisten" im Gefängnis Fort-Zinna in den Jahren
1950 bis 1953 verstorben sind.
Einer dieser Männer, Walter Biermann, soll bei der Erschießung
von 1017 Häftlingen in Gardelegen im April 1945 persönlich
teilgenommen haben. Hier sind Sie falsch informiert worden. Der
in der von Herrn Gerats initiierten Presseerklärung der Opferverbände
genannte Walter Biermann gehört nicht zu den beigesetzten Toten.
Auch drei weitere von Herrn Gerats in seiner so genannten Dokumentation
erwähnte Namen finden sich nicht auf den Grabsteinen wieder.
Die jüdische Gemeinde sollte daran erinnert werden, dass durch
die Sowjetische Militäradministration auch Juden grundlos verhaftet
wurden, nachdem sie 1945 ihre Haft in den Konzentrationslagern der
Nazis überstanden hatten.
Sie kamen nach Workuta oder nach Torgau.
Beispiele finden Sie in beiliegenden Kopien aus dem Buch von Ulrike
Offenberg über die jüdischen Gemeinden in der SBZ und
der DDR 1945 bis 1990.
Auch die jüdische Gemeinde in Halle war betroffen. Erinnert
sei an das Schicksal von Richard Hesse. Hätte er die lange
Lagerzeit nicht überlebt, könnte sich auch seine Urne
unter den damals würdelos Verscharrten befinden.
Sie sehen, diese Menschen kann man doch unmöglich als Nazi-
und Kriegsverbrecher bezeichnen, wie Sie es in Ihrer Presseerklärung
ohne Prüfung der einzelnen Schicksale getan haben.
Vielleicht beginnen Sie nun zu verstehen, warum unser Verein, sich
für den Erhalt dieser Grabanlage einsetzt.
In der sowjetisch besetzten Zone wurden nach dem Ende des Krieges
durch stalinistische Willkür wieder Verbrechen begangen. Noch
gibt es Zeitzeugen, die Ihnen davon erzählen können oder
besuchen Sie die inzwischen entstandenen Gedenkstätten in Torgau,
Gardelegen oder Buchenwald, die über die Verbrechen beider
Diktaturen Auskunft geben.
Bitte bedenken Sie, es geht hier um einen Friedhof und wir sollten
es Gott überlassen, die Guten von den Schlechten zu trennen.
Shalom
Gudrun Goeseke
Mitglied des Vereinsvorstands
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