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Mitteldeutsche Zeitung Halle, 21.09.2004, von Steffen
Könau
Auseinandersetzung um Tote aus Torgau geht
weiter
Gerats: Entfernung der Infotafel reicht nicht - Rink: Tote
werden verleumdet
Halle/MZ. Seit Jahrzehnten
verscharrt, sollten 117 Opfer sowjetischer Nachkriegsurteile in
Halle ihre letzte Ruhe finden. Doch unter den Opfern sind Täter
- und statt Ruhe gibt es nun Streit.
Die 117 Urnen aus Torgau, die seit einem Jahr auf dem Gräberfeld
24 des halleschen Gertraudenfriedhofs bestattet sind, haben einen
Skandal ausgelöst. Doch worin der Skandal liegt, da sind Verfolgte
des Hitlerregimes und Opfer des Stalinismus sehr unterschiedlicher
Ansicht.
So kündigten die Verbände der Opfer des Faschismus für
das Wochenende eine Presseerklärung in- und ausländischer
Organisationen an, in der massiv Stellung zum Streit um die Torgauer
Urnen bezogen werden soll. Die Entfernung einer Informationstafel
durch die Stadt reiche nicht aus, erklärt Jupp Gerats, Vorsitzender
des Verbandes der Teilnehmer am antifaschistischen Widerstand: "Wir
fordern die Schließung der Gedenkstätte."
Die allerdings, argumentiert Johannes Rink, gar keine ist. Wer anderes
behaupte, "verleumdet die Toten noch einmal", sagt der
Landesvorsitzende des Bundes der Stalinistisch Verfolgten. Das sei
der eigentliche Skandal. Jeder wisse um die Umstände, unter
denen Sowjet-Gerichte Urteile gefällt hätten. "Da
wurden Beweise gefälscht und Geständnisse erpresst."
Selbst zu Recht Verurteilte hätten ihre Strafen so verbüßen
müssen, dass aus einer Haft- die Todesstrafe wurde. "Dann
wurden sie verscharrt." Dass sich nun, nachdem die Würde
der Toten durch die Umbettung wiederhergestellt sei, ausgerechnet
"frühere Funktionäre des DDR-Staates bemüßigt
fühlen, ein Auswahlverfahren durchzuführen", finde
er sehr bedenklich, sagt der Historiker Frank Hirschinger, der sich
seit der Arbeit an seinem Buch "Zur Ausmerzung freigegeben"
mit der Strafverfolgung von NS-Tätern in der DDR beschäftigt.
So sei Jupp Gerats, der den Protest gegen die neue Ruhestätte
für die Torgauer Urnen anführt, Anfang der 50er Jahre
hochrangiger SED-Funktionär gewesen. "Als Dozent für
Gesellschaftskunde wirkte er an der Ausbildung von Richtern mit."
Gerats nennt das knapp "Unsinn". Er habe zwar im SED-Landesvorstand
gesessen und an der Richterschule "mal einen Vortrag gehalten".
Später aber sei er aus der Partei ausgeschlossen worden. Er
halte eine Diskussion um seine Person für ein Ablenkungsmanöver.
"Es geht hier nicht um mich, sondern darum, dass Kriegsverbrecher
nicht geehrt werden dürfen."
Während die Opfer des Stalinismus inzwischen Sachsen-Anhalts
Ex-Justizminister Walter Remmers beauftragt haben, die Stadt Halle
zu zwingen, die entfernte Informationstafel wiederaufzustellen,
will das Rathaus an seiner Linie festhalten. Bis ein renommierter
Historiker eine Bewertung vorgenommen habe, bleibe die Tafel verwahrt.
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