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Halle, 14.09.2004
Auf Anordnung von Halles Oberbürgermeisterin
Ingrid Häußler wurde vor wenigen Tagen auf dem Gertraudenfriedhof
die Informationstafel über die "Torgau-Urnen" entfernt.
Hintergrund: Der Vorsitzende der Interessenvereinigung
der Verfolgten des Nazi-Regimes (IVVdN), Jupp Gerats, behauptet
schon seit einigen Monaten, dass die Stadt Halle mit dieser Tafel
einen "Ehrenhain" für Nazi-Verbrecher geschaffen
habe. Er behauptet, dass 17 der 117 dort Begrabenen "Nazi-Verbrecher"
seien. Er legte eine "Dokumentation" vor, in der gegen
17 namentlich Genannte schwere Beschuldigungen ohne einen einzigen
Quellennachweis erhoben werden. Weiterhin bestreitet er, dass die
auf der Tafel geschilderten Vorgänge überhaupt geschehen
seien. Jupp Gerats fordert die Entfernung der Tafel, andernfalls
werde er die Stadt Halle in der überregionalen Presse anprangern,
weil sie eine "Gedenkstätte" für Nazi-Verbrecher
geschaffen habe.
Statt diese Behauptungen von sachkundigen Historikern
prüfen zu lassen und sich dann ein eigenes Bild zu machen,
beugte sich die OB den Drohungen und ließ die Tafel "vorsorglich"
bis zu einer Klärung der Vorwürfe des Jupp Gerats entfernen.
Damit hat sie Spekulationen über den Inhalt des Tafeltextes
Tür und Tor geöffnet. Die Behauptung, hier würden
Nazis zu unschuldigen Opfern erklärt, ist nicht mehr nachprüfbar
und verständlicherweise werden Uneingeweihte glauben, dass
zumindest Verfängliches oder nicht Belegbares auf der Tafel
gestanden hat - sonst würde die Stadt doch nicht handeln!
Denn wer kann glauben, dass sich die OB ohne Not dermaßen
hilflos und erpressbar zeigt!
Interessant in diesem Zusammenhang ist auch, dass Jupp
Gerats im fraglichen Zeitraum (1949 bis 1952) in verantwortungsvollen
politischen Ämtern tätig war: Neben Funktionen im Landesvorstand
der SED in Sachsen Anhalt wirkte Josef (Jupp) Gerats als Dozent/Referent
für Gesellschaftskunde bei der Ausbildung von Richtern an der
so genannten Richter-Schule.* Bis 1952 war er außerdem Abteilungsleiter
in der Kaderleitung des Landesvorstandes der SED Sachsen-Anhalt.
Spätere Differenzen mit der SED begründen sich in den
"Säuberungswellen" seiner Partei und nicht in eigenem
parteikritischen Verhalten.**
* Landesarchiv Merseburg, Landesleitung
der SED Sachsen-Anhalt V/8/209
** SAPMO-BArch DY 30/IV 2/4/30
Es ist also nicht auszuschließen, dass Josef
(Jupp) Gerats ein ganz persönliches Interesse hat, die auf
der Informationstafel beschriebenen Vorgänge der Öffentlichkeit
vorzuenthalten und darum deren Entfernung wünscht.
Weiß die OB, dass damals eine ungeprüfte Denunziation
ausreichte, um ihre sozialdemokratischen Vorgänger als angebliche
Faschisten in den Lagern der neuen Machthaber verschwinden zu lassen?
Ist ihr bewusst, in welcher Tradition sie mit ihrer Entscheidung
steht?
Weiß sie, welche erneute Demütigung sie den Überlebenden
der stalinistischen Lager (die übrigens diese Tafel mit Spendengeldern
finanziert haben) zufügt, wenn sie den ungeprüften Propagandalügen
eines ehemals politisch Verantwortlichen folgt?
Sie sollte sich kundig machen und die Tafel so schnell wie möglich
wieder anbringen lassen.
Und dann muss der politische Streit mit denen geführt werden,
die noch immer die Verbrechen der Kommunisten leugnen.
Das ist nicht schwer, denn man muss nur Behauptungen und Fakten
fein säuberlich voneinander trennen und erkennbar machen!
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